Diese Reportage habe ich im September geschrieben, nachdem ich, den Wunsch meines kleinen Bruders erfüllend, auf dem Lollapalooza-Festival zum personifizierten Mutti-Zettel wurde. Festival ohne Campen ist wie Bier ohne Alkohol? Vielleicht. Aber manchmal muss man eben auch fahren, da scheint alkoholfreies Bier die beste aller schrecklichen Alternativen. "Pseudo-kritisch", sagte der Chefredakteur einer Online-Zeitung zu diesem Text. Ich möchte ihn trotzdem teilen, weil mich das Thema damals sehr bewegt hat. Wenn euch "pseudo-kritsich" abgeschreckt hat (ja, der Text ist auch wirklich lang und ja, wir haben alle wirklich wenig Zeit), dann verrate ich vorab den Plottwist: Glitzert von innen, Freunde. Die Klebesteine haften echt schlecht, vor allem auf leicht fettender Haut.

„Lass uns lieber jetzt ein Foto machen. Dann verpassen wir nichts und jetzt sehen wir noch am besten aus“, ruft eine zarte, von Rotkäppchen-Sekt und Pall-Mall Zigaretten kratzige Mädchenstimme. Wir befinden uns in einem der wenigen, festivaluntypischen Toilettenwägen mit fließend Wasser, Seifenspender und Klobürste. Das Gelände des Olympiaparks ist über 132 Hektar groß. Groß genug, um das Massengefühl von 70.000 Menschen in der Weite zu ersticken – immer noch zu klein, um den Tausenden kreischend-funkelnden Mädchen aus dem Weg zu gehen, die bauchfreie Shirts von Bands tragen, die sich auflösten, bevor sie geboren wurden. Das Lollapalooza-Festival findet an jenem warmen Septemberwochenende bereits zum vierten Mal statt – zum dritten Mal vor einer neuen Location. Das Festival scheint mit Berlin nicht so warm zu werden, wie es international der Fall ist. In Chicago findet Lolla, wie es oft liebevoll abgekürzt wird, seit fast 15 Jahren im Grant Park statt, die Nachfrage nach den Tickets ist größer als das Angebot, die zwei Veranstaltungstage sind ein Fest. Sagt man. Ich selbst war noch nicht da und kann von Instagram-Bildern, die vor Perfektion strotzen, Inspiration gewinnen, aber keine objektive Einschätzung. In Berlin ist das Angebot größer als die Nachfrage. Karten gab es bis zum letzten Festivaltag, die Besucherzahlen sind zurückgegangen. Dass 139 Euro für ein musikalisches Mainstream-Wochenende in einer Stadt des individuellen Hipstertums mittlerweile zu viel sind, sei nur gemutmaßt. Auf eine unangenehme Art schließt diese Vermutung außerdem Besucher aus dem Rest von Deutschland (und der Welt, haha) aus. Bei Flügen zu Spotpreisen darf man wohl davon ausgehen, dass sich Hardcore David Guetta Fans auch mal auf dem Luftwege zum Poster-Star ihres Kinderzimmers fliegen lassen. Mehr als Handgepäck wird an diesem Wochenende sowieso nicht benötigt – die Kleiderordnung folgt dem Leitsatz: weniger ist mehr und weil Glitzer nichts wiegt und Campen nicht möglich ist, reicht der Louis Vuitton Handbag, 55cmx40cmx20cm.

Weniger Fotos sind mehr Fotos

Gibt man dem Hashtag #lollapaloozaberlin eine Chance, freuen sich über 32.000 Menschen, ihre einmalige Festivalerfahrung zu teilen. Superlative, deutsch und englisch (aber zum Großteil englisch), drängen sich gegenseitig vom Superlativ-Thron. Endlich können junge, im Berliner Möglichkeiten-Pool erstickende Mädchen zeigen, was sie bewegt und was sie ausmacht: mit Glitzer im Gesicht vor einem mit Blumen drapierten Hollandrad stehend, Erdbeerbowle trinkend, verrückt tanzend. Selbstklebende Schmucksteinhersteller werden das Geschäft ihres Lebens gemacht haben – die Mädchen sind wahre Kunstwerke. Das meistgewählte Hintergrundmotiv im Lollapalooza Foto-Jungle ist dabei das, dem Coachella-Festival in Kalifornien nachempfundene Riesenrad. Kunstwerke zeigen ihren freien Rücken vor dem fotogenen Fahrgeschäft, strecken ihre Arme in die Luft, der bunte Kimono weht im Wind. Kerle, deutlich älter, schauen mit einer Emotion, die sich zwischen Gleichgültigkeit und Coolness bewegt und oft angestrengt wirkt, in die Kamera. Außenstehende fragen sich, wo das Fotoequipment herkommt und ob das Kamerateam der Influencer auch für die Festivalkarte bezahlt hat. Ein volltätowierter Kerl fasst sich mit beiden Händen an den Hals. „Das Rad muss ganz drauf“, sagt er zu seinem bauchigen Kameramann. Ja, wir alle wollen hoch hinaus.

Mehr Utopie ist mehr Utopie

Dass große Rucksäcke und Glas, Pfefferspray und Pyrotechnik auf dem Gelände verboten sind, ist eher klar, als verwunderlich. Was würde aber passieren, wenn anstatt Hängematten und mitgebrachtem Essen, Kameras verboten würden? Natürlich muss die Mitnahme von Handys gestattet bleiben – wir alle würden uns ohne wohl nicht vollständig fühlen – aber wäre die Festivalatmosphäre eine Andere, wenn, im Kater- und Berghain-Stil, die Kameras abgeklebt würden? Die Frage ist hypothetischer Natur und die Antwort so klar wie die Unmöglichkeit der Realisierung, deshalb schwebt sie als glitzernde Utopie durch die Festivalsphäre. Natürlich darf jeder so sein, wie er ist. Gerade ein Festival, ein Wochenende voller Musik und Spaß und grenzenloser Freiheit soll jede individuelle Selbsterfüllung befriedigen. Ich frage mich nur, ob im ständigen Durchbrechen der besonderen Festival-Membran jene Festivalerfahrung noch möglich ist. Dank ständiger Erreichbarkeit und sozialer Medien Interaktion wird ein Festival zu einem Erlebnis wie ein Besuch im Cafe: instagramable. Matthias Rohde, Sänger der Indie-Band „Von Wegen Lisbeth“ lobte sein Publikum am Samstagabend und schien überrascht: „Ich finde es gut, ich sehe hier kaum Handys.“ Genug hypokritisches Smartphone-Bashing.  Glitzernde Fotografie ist nämlich nur ein kleiner Lolla-Teil und sehr gut ignorierbar, wenn eine persönliche Abgrenzung leichtfällt.

Bunt ist mehr als Glitzer

Benjamin Griffey, die meisten kennen ihn als Casper, ist mittlerweile älter als doppelt so alt, wie der Großteil der in der ersten Reihe stehenden pubertierenden Fans. Weiter hinten steht der harte Kern, der die Songtexte nicht grölt, sondern leise mit rappt, weil er alle kennt, der harte Kern, seit 2004. Am Samstagabend stehen 30.000 Menschen gemeinsam im Ascheregen. Dass Casper Materia auf die Bühne holt verwundert niemanden so recht, die beiden haben erst kürzlich ihr Album 1982 gemeinsam aufgenommen. 30.000 Menschen spüren Adrenalin. Und irgendwann hüpft der gesamte Olympiapark – jedenfalls alle, unweit Mainstage 1. „Wer nicht hüpft der ist ein Nazi, hey, hey.“ Plötzlich spüren alle, Glitzer-Feen und strohhuttragende Kerbeverein-Mitglieder, junge Eltern und ältere Paare, Berliner und Schwaben, um was es wirklich geht. Musik verbindet, Musik ist bunt und Musik ist mehr, als ein Foto jemals festhalten können wird. Musik ist Politik, ohne Politik sein zu wollen, weil Musik keinen Rassismus kennt, keine Homophobie, keinen Rechtsradikalismus, kein Geschlecht, keine Kultur und kein Kapital. „Ihr seid bunt, ihr seid jung und ihr seid verrückt. Bitte bleibt für immer so.“ Casper ist nur einer von vielen Künstlern, der zeigt, dass der Hashtag #wirsindmehr nicht bedeutet, ein Protestkonzert in Chemnitz zu geben, an einem schönen Montagabend. Auch, aber nicht nur. #Wirsindmehr kann mehr, an 365 Tagen im Jahr, überall, wo er gerade gebraucht wird. Bunt ist mehr als Glitzer und ich glaube das haben auch die Feen gespürt. 

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