„Broken“, ruft Cam, während er mir den 10 Kilo Bulgursack in die Hand drückt. Ich reiche ihn weiter an Nina, vorsichtig, während die orangenen Linsen aus der riesigen Tüte auf den staubigen Warenhaus-Boden fallen. Meine Arme sind müde. Meine Arme sind so müde, dass sie mit jeder Tüte, die ich weitergeben muss, drohen durchzubrechen, wie Streichhölzer. Es ist Montag, es ist dunkel, der Wind ist kalt. Wir haben eine Kette gebildet, zwischen LKW und Warenhaus und singen auf türkisch und deutsch und französisch und englisch, um uns nicht auf unsere schmerzenden Körperteile zu konzentrieren. Cam und Josh sind jetzt Teil des großen Wirs, Teil unserer Familie, für diese Woche. Die zwei Männer von Khalsa Aid, einer NGO aus England, kommen mit einer riesigen Lebensmittellieferung, die wir auspacken müssen und in den nächsten Tagen verteilen werden. Ich bin ganz aufgeregt, als Rashid die LKW-Türen aufmacht. Ein Konservendosen-Schlaraffenland offenbart sich vor unseren Augen: So viel Reis und Linsen, Milch und Öl, Mehl und Zucker, habe ich noch nie auf einem Fleck gesehen. Unser LKW ist ein Supermarkt. Ich denke an all die Menschen, die davon satt werden können und ein warmes Gefühl durchströmt meinen Körper. „Come on“, ruft Rashid, während er auf hunderten Milchpaletten sitzt, „let’s go“. Die ersten 200 Packungen Babywindeln werfen wir uns noch zu, wir machen Witze über unbezahlte Fitnessstudiomitgliedschaften, während wir mit dem Mehl tiefer in die Hocke gehen, als wir müssten, „sugar-squat“, sagt Ezgi und lacht. Nach 300 Litern Öl wird das Lachen leiser, wir sind müde, der LKW ist nicht einmal halb leer. Wir sind zu wenige, um uns abzuwechseln, der LKW-Fahrer will nach Hause, wir wollen ins Bett, „ich kann nicht mehr“, stöhnt Carmen, wir alle können nicht mehr, Carmen. Ich bin so erschöpft und wütend, dass ich nicht duschen kann später, und dass ich in einem Container schlafen muss. Wir haben keinen Platz mehr im Lager. Es geht hier nicht um dich, sagt der 20-Kilo-Reissack zu mir, während er mir droht aus den Fingern zu rutschen. Nimm dich selbst zurück. Warum denken wir immer als erstes an unser Wohlbefinden, wenn wir in Situationen geworfen werden, die uns neu sind? Überlebenswille, höre ich Darwin rufen. Das stimmt. Aber wann haben sich die Grenzen des Überlebenswillen zu King-size Betten und grünen Smoothies erhoben? Ich ärgere mich, wenn es im Camp kein Gemüse gibt und kein Obst, mein innerer Hypochonder bekommt Skorbut, ich esse dann die halbe Beilagenzitrone der Linsensuppe, um nicht an Vitamnin C Mangel zu sterben. Das tue ich, während ich hunderte Kartons ultrahocherhitzter Milch staple. Haben die Zeltstadt-Kinder jemals einen Apfel gegessen? Die schlammige Süße einer Banane gerochen und eine Tomate ausgelutscht? Sich über die Konsistenz von Brokkoli beschwert und über den bitteren Spinatgeschmack? Mir steigen die Tränen in die Augen, als ich Frauenbinden nach Größen sortiere, hier, in unserem kleinen Supermarkt, indem die Menschen, für die die Sachen bestimmt sind, nicht einmal selbst einkaufen können. Wir sind ein unzählbares Maß an Verfügbarkeit gewohnt. Von allem. Mir wird gerade sehr bewusst, was für ein Privileg das ist. Unser Supermarkt hat keine Räder und kommt, bei Glück, einmal im Monat. Unser Supermarkt hat nur sonntags geschlossen.

Heute ist Freitag. Die letzten Tage waren so anstrengend und nervenaufreibend, so produktiv und emotional, dass ich physisch und psychisch so erschöpft bin, als wäre ich einen Marathon gelaufen, beim Schreiben meiner Doktotorarbeit. Die Stimmung im Dorf ist angespannt. Fast alle Freiwilligen sind krank, wir stecken uns gegenseitig an und können uns schlecht regenerieren, in unseren Containern. Gestern ist die Wasserpumpe kaputt gegangen. Wir haben kein Wasser mehr. Wir können weder spülen, noch duschen, wir haben weder Toilettenspülung, noch Wasser zum Kochen. Wir sind dreckig und machen Neandertalerwitze. Nach weniger als 24 wasserlosen Stunden. Was machen denn die Menschen in den Camps? Wasser ist eine Ressource, keine Selbstverständlichkeit. Ich bin wütend auf alle Menschen, die ihre Autos waschen, während ich an die Kinder denke, deren kleine Körper noch nie Wasser gespürt haben. Und es fällt mir immernoch schwer, die Welten, in denen ich gerade lebe, nicht zu vergleichen.

 

Mittwoch.

„50 more“, ruft Nina, während wir ihr die Lebensmitteltüten reichen. Unser Van ist voll. Vielleicht sollten wir mit zwei Autos fahren. Wir nehmen 250 Lebensmittel-Bags und 200 Hygiene-Bags mit. Hoffentlich reicht das für alle, denke ich bei jeder Tüte, die ich ins Auto packe. Alle. Wen meine ich damit? Menschen in den Camps, die wir erreichen? Und was ist mit den Camps, die wir nicht erreichen können, weil wir nicht wissen, dass sie existieren? Und was ist mit den Menschen, die nicht genug Geld oder nicht genug Kraft hatten, um zu fliehen? Die immernoch in Syrien sind und im Libanon und sonstwo. ‚Alle‘ ist ein sehr dehnbarer Begriff.  Gestern haben wir diskutiert, ob jede (uns erreichbare) Familie eine, oder zwei Tüten bekommen soll. Möchten wir eine Familie für drei Wochen versorgen, oder zwei Familien für 10 Tage? Gerechtigkeit hört spätestens bei der Anzahl der Kinder auf – eine Familie mit sieben Kindern braucht mehr Nudeln als eine Familie mit vier. Können wir Mangelernährung bei Schwangeren ausgleichen? Und was ist mit Lebensmittelunverträglichkeiten? „Flucht kennt keine Laktoseintoleranz“, sagt Franzi. Die Tüten sind verstaut, wir entscheiden uns für die ‚10 Tage alle Familien Variante‘, um keine campinternen Kämpfe auszulösen. Heute wollen wir vier Camps versorgen. Ali fragt, ob Nina und ich uns um die Kinder kümmern können, während die Tüten an die Eltern verteilt werden. Ich denke an das unruhige Chaos und meine Überforderung von letztem Mal. Wir nicken, weil wir jetzt wissen, was uns erwartet. Wir lernen türkische Kinderlieder, abends in unserem Container, denken uns ein Sportprogramm aus, drucken Bilder von Obst und Gemüse, suchen Wachsmalstifte. Heute sind wir besser vorbereitet. Ich kann mich dieses Mal besser auf die Landschaft konzentrieren, die an uns vorbeizieht. Izmir ist riesig, strahlt, eine der größten Städte in der Türkei, Hotel grenzt an Hotel, Köfte mit Meerblick und Promenadenspaziergänge. Wir fahren an der Stadt vorbei, Schrottplätze lösen Urlaubsananlagen ab. Hier ist es nicht mehr schön, die Hunde am Straßenrand, die mehr aussehen wie Wölfe, machen mir Angst. Zum Schutz der Menschen möchte ich die genauen Standorte und Namen der Camps nicht publizieren. Sie sind alle anders: Eines finden wir im Schutz sämtlicher Olivenhaine vor, eines auf einer alten Tomatenplantage, ein weiteres im Schutz eines Bauruinenfeldes. So unterschiedlich die Camps auf den ersten Blick aussehen mögen: Sie sind alle unterschiedlich gleich. Sobald die Menschen das Motorengeräusch unseres Vans ausmachen, strömen sie aus ihren Zelten. Es wundert mich, dass wir nicht fröhlich empfangen werden. Es wird nicht gewunken oder gelacht, die meisten Kinder weinen, Frauen verstecken sich hinter ihren Babies, die sie an ihre Brust drücken, die sich an ihre Väter schmiegen, die vor ihren Frauen stehen. Die älteren Kinder sind mutiger, lächeln, wenn sie sehen dass wir lächeln. Die Kinder spiegeln uns. Der Geruch ist auch fast immer gleich, ich werde ihn wohl nie wieder aus meiner Nase bekommen, er hat sich mit den Eindrücken gemischt und zeichnet das Bild Flucht in meinem Kopf neu. Ich wusste nicht, dass Dreck olfaktorisch erfahrbar ist. Dreck riecht so, wie er sich auf der Haut anfühlt. Dreck riecht, wie wir uns fühlen, wenn die Wasserpumpe kaputt ist, nur intensiver. Es riecht nach verbranntem Plastik und Fäkalien, es riecht nach Hühnern, obwohl ich in keinem Camp Hühner sehe: Ein unangenehmer Geruchscocktail, bei dem man sich instinktiv die Hand vors Gesicht halten will, um sich zu schützen, vor den Düften, die infizierend riechen. Infizieren mit was? Flucht? Ich ertappe mich dabei, wie ich die Kinderköpfe nach Läusen absuche, während sich die Kleinen um einen Platz auf meinem Schoß streiten. Als ein Junge sanft über meinen Arm streichelt, drücke ich seinen kleinen Körper an mich, sein Haarschopf berührt mein T-Shirt, meine Haarspitzen, mein Herz. Läuse lassen sich wegwaschen, Leid nicht. Aus den Augenwinkeln sehe ich Ali die Tüten verteilen. In dem ersten Camp wohnen nur 20 Familien – wobei ich mich jedes Mal frage, wo all die Kinder herkommen- die Menschen stellen sich in eine Reihe, bedanken sich für die Tüten, entspanntes Lachen von überall. Ich bin selbstbewusster dieses Mal, ich nehme die Kinder an die Hand, wir stellen uns in einen Kreis, nackte Füße, dreckige Erde und so, so viele Kinder. Wir singen Lieder und machen große Bewegungen dabei. Die Kinder imitieren uns, die Kleinsten sitzen zwischen uns auf dem Boden, wir schreien mehr, als das wir singen, damit uns alle hören können, aber es funktioniert. Nina verteilt die Ausmalbilder, „Habla“, sagen die Mädchen und Jungen, „große Schwester“, und greifen mit ihren kleinen Händen nach dem Papier. Sie malen so ruhig und konzentriert, als wäre es das Wichtigste auf der Welt, in diesem Moment diese Banane auszumalen. „Elma“, sage ich und zeige auf den Apfel. Ein Mädchen in, vom Schlamm verfärbten braunen Tütü, antwortet auf Arabisch. „Apfel“, sage ich. Wir lachen beide und ich möchte für immer hier bleiben, auf dem Steinboden zwischen Zeltplanen und Ruinen und alten Hühnerställen. Ich fühle mich wohl hier, weil ich mich gebraucht fühle. Und weil das Lachen der Kinder mich so sehr berührt, dass mein ganzer Körper bebt. Wann haben wir verlernt, uns über Ausmalbilder zu freuen, obwohl unser ganzes Leben ein riesiges Mandala ist?

 

Wachsmalstifte sind keine Gummibärchen

„Stopp“, schreie ich und vergesse, dass hier niemand Deutsch versteht. Ich sitze zwischen hunderten Kindern im Dreck, ich höre Stimmengewirr und kann aus den Augenwinkeln eine Diskussion erkennen. Ich versuche die Kinder zusammenzuhalten, ich kann nicht. Überall sind Kinder. Wir befinden uns in dem Camp, in dem wir vergangene Woche Windeln verteilt haben. Ich erkenne den kleinen Mohammed, Kindergesichter kommen mir bekannt vor, ich fühle mich sofort verbunden, ‚ich hab euch vermisst‘, will ich sagen, ‚ich bin froh, dass ihr noch da seid‘, denke ich. Ich höre Rashid auf Arabisch reden, angestrengt und bestimmt. Ich höre ein paar Männer schreien. Ich bin unkonzentriert, weil ich versuche die Situation zu verstehen, da steckt sich ein kleiner Junge, erst das Papier und dann den Wachsmalstift in den Mund. Er schluckt schneller als ich gucken kann, ich werde panisch, versuche ihm die grünen Krümel aus dem Mund zu puhlen, greife ihm unter die Zunge, er würgt und spuckt, er spuckt die Wachsmalstifte-Reste aus und ich schüttele ihn, weil ich so eine Angst hatte, ihn vergiftet zu haben. Der kleine Junge, barfuß und ohne Hose, mit so viel Rotz im Gesicht, als hätte ihm noch nie jemand jemals die Nase geputzt, ein Gesicht aus einem Rotz-Dreck-Peeling. Ich drücke ihn an mich. „Bitte iss keine Wachsmalstifte mehr, okay? Niemals, okay?“ Wir kuscheln, ich streiche ihm über seinen von Unterernährung ausgebildeten dicken Kinderbauch und schließe für einen kleinen Moment die Augen. Hoffentlich kriegt er ganz viel von den Nudeln und dem Reis und dem Bulger, den wir verpackt haben. Am Liebsten möchte ich alle Hipp-Gläser dieser Welt in dem Zelt seiner Eltern verstecken, ich kann nicht. Und dann passiert sehr viel gleichzeitig. „We have to go“, sagt Cam, der auf unser Kinderknäul zukommt. „Now“. Ich spüre, dass es ein Jetzt und kein ‚jetzt gleich‘ ist. „Everything okay?“ Er schüttelt den Kopf. Wir sammeln die Stifte ein, ich übersehe einige Stifte bewusst, weil es mich so traurig macht, dass Kinder nicht einmal Stifte haben, um zu üben, ihren Namen zu schreiben. „Now“, sagt Cam nochmal und wir springen in den Van, ohne uns von den Kindern verabschieden zu können. Rashid fehlt. „What happened?“ Ich schaue aus dem Fenster, sehe Männer wild gestikulieren, höre Kinder kreischen. Mehr Familien als Lebensmitteltüten, sagt Cam. Wir können nicht kontrollieren, ob Menschen sich doppelt angestellt haben, ob einige Gierige mehr bekommen und andere Nichts. Hunger und Sorge sind eine schlechte Mischung. Haben alle Familien eine Tüte bekommen? Niemand antwortet mir. Also nicht? Niemand antwortet mir. Ich hasse das, sage ich und alle nicken.

 

Es ist spät, als wir nach Hause kommen. Ich bin so müde, vom Tütenpacken und Tütenverteilen und Tütenpacken und Tütenverteilen. Bevor wir etwas essen können, müssen wir den Van für den nächsten Tag packen. 200 Lebensmitteltüten, 200 Hygienetüten, zusätzlich Windeln. Eine Tüte wiegt fast acht Kilo. Yasmine und Mutea tragen eine Tüte zusammen, eine Tüte nach der anderen. Ich weiß, dass die junge Familie an der syrischen Grenze auch in einem Zeltlager gewohnt hat. Rashid begleitet uns bei jeder Lebensmittel-Tour, übersetzt und erklärt, Sheia hilft beim Kochen, Mutea und Yasmine packen das Auto. Ich frage mich ob den Mädels klar ist, dass sie Tüten für Kinder packen, die nicht so ein Glück hatten, wie sie selbst. Ich streichele Mutea über den Kopf, sie sieht niedlich aus, in ihrer neuen Latzhose, einer Spende. Ich fange an, eine Bindung zu der Familie aufzubauen. Sheia hat vor ein paar Tagen ihr Kopftuch abgezogen, als ich im Raum war. Ihr Englisch wird besser, abends spielt sie mit uns ab und zu Karten, sie fängt an von sich zu erzählen. Sheia ist so alt wie ich. Ihre älteste Tochter wird 10. Ich bin 23. Und manchmal habe ich schon Probleme damit, Verantwortung für mich selbst zu übernehmen. Sheia ist mit drei Kindern aus Syrien geflohen, während ich die Möglichkeit hatte zu studieren. Mutea setzt sich auf meinen Schoß, ich sitze auf dem Boden, es ist kalt, im Warenhaus warten immernoch Hunderte Kilo Mehl darauf, verpackt zu werden. Wir sind zu erschöpft zum Reden. Morgen ist ein neuer Tag. Morgen müssen wir Gummistiefel kaufen.

Freitag, 20 Uhr

„Kannst du dich überhaupt konzentrieren?“ Franzi sitzt im Schneidersitz auf dem Teppich vor mir und schaut mich an. „Geht schon“, sage ich. Yasmine und Mutea kreischen vor Freude, die anderen Freiwilligen schreien auch, wir spielen Karten, sie spielen Karten, es riecht nach Börek. Abends müssen wir jetzt drinnen sitzen, draußen ist es zu kalt. Heute ist Freitag. Wir haben 1000 Gummistiefel nach Größen geordnet, Schuhgröße 17 ist so wahnsinnig klein. Ali und Josh und Cam haben einen Rollstuhl gekauft, in einem der Camps lebt ein behimdertes Kind. Unser Van ist kaputt. Wir wissen nicht, ob wir morgen Tüten und Schuhe verteilen können. „We will see“, sagt Ali und zuckt mit den Schultern, während sein Auge zuckt. Ali ist die personifizierte Erschöpfung. Yasmine lacht, Yusuf schläft auf dem Sofa, vor dem wir alle sitzen, eine Babykatze liegt auf der Decke, die auf ihm liegt. Wir haben immernoch kein Wasser. Trotzdem möchte ich an keinem Ort der Welt lieber sein. 

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.