Es ist nicht einfach anzufangen zu schreiben, wenn man so viel zu sagen hat, dass einem die Worte fehlen. Heute ist dein Geburtstag, Mama, und ich bin räumlich schon wieder überall, nur nicht dort, wo ich sein sollte. Dieser Text ist eine größere Herausforderung, als meine Bachelorarbeit, weil Liebe und Dankbarkeit so starke Worte sind, dass es fast unmöglich ist, sie mit dem Inhalt zu füllen, den du verdienst. 

Eltern sind selbstverständlich für Kinder, Mütter vielleicht noch ein bisschen mehr als Väter, weil wir eins waren, Mama, danke Nabelschnur und Mutterkuchen. Du hast gekotzt, als du mich bekommen hast, hast du erzählt, und Papa die Hände blutig gekratzt. Diese energische Dynamik zieht sich seit 23 Jahren durch unsere Beziehung. Ich war schon immer laut und wild und durcheinander irgendwie, anstatt mich auf die Linie der Normalität zu ziehen, hast du mich immer motiviert, den Baum der Rebellion noch höher hinaufzuklettern. Du hattest keine Angst, dass die Äste brechen, weil du immer einen Verbandskasten mit dir trägst. Du bist mein Verbandskasten. Du hast mich nie gestoppt oder gebremst, du hast nie bis drei gezählt und meinen vollen Namen geschrien. Mit 2 habe ich euren Bettkasten mit dem Gesicht geküsst. Mein Lippenbändchen musste genäht werden. Du hast gelacht, ich habe gelernt, dass es nicht schlimm ist hinzufallen. Mit 4 bin ich rückwärts auf einem Holzschlitten im Eis stecken geblieben. Du hast mich nicht rausgezogen, sondern mir gezeigt, wie ich mich selbst herausziehen kann. Ich habe gelernt, dass es nicht schlimm ist, temporär gefangen zu sein. Mit 5 habe ich beim Mandala malen auf mein Schneewittchen-Bild gebrochen. Du hast mir die Hand unter den Mund gehalten. Ich habe gelernt, dass es nicht schlimm ist, sich auszukotzen. Mit 6 schneide ich mir zu meiner Einschulung selbst die Haare und trage T-Shirt und Jeans, anstatt Kleid und Blumenkranz. Du gibst mir das Gefühl, wunderschön zu sein. Ich lerne, dass es okay ist, anders auszusehen. Mit 8 bin ich das erste Mal verliebt. Du hilfst mir, einen Liebesbrief zu schreiben. Ich kriege nie eine Antwort. Du nimmst mich in den Arm und ich lerne, dass es okay ist, verletzt zu werden. Wir lachen viel zusammen und wir weinen mindestens genauso viel. Ich bin 9 und liebe dich so sehr, dass ich dich manchmal hasse, nur um herauszufinden, dass ich irgendwann auch ohne dich überleben können werde. Ich verwende deine Liebe gegen dich, ich bin impulsiv-destruktiv, ich bin Öl, du bist der Ozean. Ich bin 10 und will nicht mehr im Chor singen, sondern Fußball spielen. Du kaufst eine Torwand. Ich bin 11 und will Geräteturnen. Du kaufst Schläppchen. Ich bin 12 und will Gitarre spielen. Du organisierst eine Probestunde. Ich lerne, dass ich alles sein kann, was ich sein will, du setzt Grenzen, die mich nicht einschränken, sondern meinen Horizont öffnen. Trotzdem bin ich ein rastloses Kind. Ich werde von extremen Gefühlen geschüttelt. Ich kann nicht mit meiner Energie umgehen. Ich bin launisch und ungeduldig. Ich merke, dass ich anders bin, mit 13 höre ich auf zu essen. Ich bekomme Anorexie, keiner merkt es. Wir streiten uns so sehr, weil du mit mir krank wirst, ohne krank zu sein. Ich bin die Hülle meiner selbst, du versuchst mich zu retten, ich bin der Atlantik, dein Schiff segelt auf dem Mittelmeer. Ich zerstöre mich selbst, du musst zuschauen, du bist machtlos, ich bin kraftlos, wenn wir streiten sterben auf einem anderen Planeten Blumen, so weh tut deine gesunde Liebe, die an meiner kranken Membran abprallt. Ich bin 13 und muss in die Klinik. Du besuchst mich täglich über Monate, fütterst mich, sagst, du willst mich nicht verhungern sehen. Ich bin 14 und lerne, dass es sich vielleicht doch lohnt, zu leben. Ich brenne, du versuchst mich mit Benzin zu löschen. Du bist die Projektionsfläche meiner Selbstverletzung, weil du auffängst, was ich nicht halten kann, weil ich zu viel bin und gleichzeitig zu wenig. Du gibst meinem kraftlosen Ich Kraft, du bist mein Verbandskasten, ich bin 16 und kann wieder freier atmen. Du hörst mir zu, ich öffne meinen verrückten Gedankenpalast für dich. Du sagst mir immer wieder, dass ich gut bin. Und dass ich genug bin. Und dass ich sehr geliebt werde. Ich lerne, dass es okay ist, anders zu sein. Ich bin 17 und bekomme meine Periode als letztes Mädchen auf dem Planeten. Du fährst mit mir weg und sagst du freust dich auf deine Enkelkinder, irgendwann. Du sagst, dass du immernoch Angst, mich irgendwann zu verlieren, weil du die selbstzerstörerische Kraft kennst, die schläft. Dein Verbandskasten kann mir nicht mehr helfen, sagst du. Ich lerne, dass Freiheit auch das Recht ist, sich selbst zu schaden. Ich bin 18 und verliebe mich. Ich buche von heute auf morgen einen Flug nach Australien. Du unterstützt mich und kaufst mir einen Bagpack. Ich bin 19 und will nach Berlin ziehen. Du unterstützt mich und schenkst mir einen Wasserkocher. Wir sehen uns kaum, ich bin ein Vogel und versuche mich zu lösen, aus dem Käfig, dessen Stäbe aus bedingungsloser Mutterliebe gegossen sind. Ich komme nur an Weihnachten nach Hause, ich vergesse Muttertage und rufe zu Geburtstagen erst spät an. Du machst mir keine Vorwürfe, du bedankst dich für jedes Gespräch. Du schenkst mir die Freiheit, die ich mir selbst nie geben konnte. Ich bin 20 und ziehe über Nacht bei meinem Freund aus. Du fragst nicht warum, sondern fragst, wie du mir helfen kannst. Ich bin 21 und ziehe wieder bei ihm ein. Du fragst nicht warum, sondern fragst, ob ich glücklich bin. Du gibst mir die Sicherheit, die ich rastlos suche. Ich bin 22 und komme wieder öfter nach Hause. Unsere Beziehung verändert sich. Wir reden über Freiheit und Glück und Mut. Du sagst, dass du stolz auf mich bist, obwohl ich nichts tue, außer zu Sein. Ich bin 23 und wandere den Jakobsweg. Ich werde krank, „komm nach Hause“, sagst du. Du pflegst mich wochenlang gesund. Du bist mein Verbandskasten.

Kinder schulden ihren Eltern nichts, hast du mal gesagt. Wenn ich mich bei dir bedanke, dann winkst du ab, selbstverständlich, sagst du dann und deine Augen strahlen, weil du es liebst, deine Kinder glücklich zu sehen. Das ist nicht selbstverständlich, Mama. Ich bewundere dich so sehr, für das, was du bist und wie du mich erzogen hast. Du bist nicht nur die Erde, auf der ich wachse, du bist die Sonne und der Regen und die Luft, die ich atme. Es ist nicht selbstverständlich, ein zu Hause zu haben, in das man jederzeit zurückkehren kann und es nicht selbstverständlich, bedingungslos unterstützt und geliebt zu werden. Durch dein Sein konnte ich mein inneres Gift in Kraft verwandeln, mein Feuer verbrennt mich nicht mehr intrinsisch, sondern wärmt mich von außen. Auch wenn wir uns kaum sehen habe ich immer das Gefühl, dass du auf mich aufpasst und bei mir bist. Ich frage mich oft, was ich vom Leben will. Es gibt so viele Möglichkeiten, ich fühle mich oft und immer noch überfordert von den Wegen, die es einzuschlagen gibt. Ich habe so viel Hunger auf das Leben, dass ich mir manchmal den Magen verderbe. Dann denke ich an dich und an deinen Verbandskasten. Ich bin nicht mehr auf ihn angewiesen, umso dankbarer bin ich, dass ich mich daran bedienen kann, wann immer ich das brauche.

Liebe Mama, während ich das schreibe laufen mir die Tränen über die Wangen, weil ich so viel fühle, wenn ich an dich denke. Ich hoffe du weißt, dass ich ein Spiegel bin, wenn mich deine Liebe durchströmt. Du bist zauberhaft. Danke, dass du mich zu einem Regenbogenfisch gemacht hast. Dass ich durch dich so viel Liebe in mir trage, dass ich davon leben könnte, würde Liebe Nährstoffe haben. Danke, dass du mir vorlebst, dass die Realität von heute irgendwann zuvor Teil eines unrealistischen Traumes war und jede*r alles schaffen kann, wenn der mutige Wille größer ist, als die begrenzende Angst. Happy Birthday, ich liebe dich so sehr. 

2 Kommentare

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  • Kira  
    Mir kullert gerade eine salzige Träne über die Wange, danke, dass du mich so berührst.
    • Rosena Knknown  
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