Es ist Sonntag, fast 16 Uhr. Ich sitze auf der Schaukel, die mir den perfekten Blick über das grüne Nichts ermöglicht, in dem ich lebe, ein Stillleben, Monet wäre stolz auf Mutter Natur. Ich bin jetzt seit ein paar Tagen hier, „voll cool“, schreiben Menschen, die meine Fotos auf sozialen Netzwerken sehen. Ja, sehr cool, schreibe ich. Heute finde ich überhaupt gar nichts cool, vielleicht voll, und davon viel. Voll einsam, voll langweilig und voll überfordernd. Ich fühle mich unkreativ. Ich denke an Cheryl Strayed. Schreiben ist schwer, aber Nicht zu Schreiben ist schwerer. Dieser Text ist all den Menschen gewidmet, die neidisch auf das Leben sein mögen, dass die sozialen Medien von mir zeichnen, von allen Menschen zeichnen, die blumig-bunte Lebensrealitäten inszenieren. Und für die Menschen, auf deren Blumen ich neidisch bin. Neid lässt sich wohl nicht eliminieren, indem man ihn adressiert, aber bewusstes Wahrnehmen klingt schon fast wie ein Cocktail aus zufriedener Genügsamkeit und persönlichem Frieden.  

Hühnerscheiße im Bananenmantel

Mein Tagesablauf hier hat sich mittlerweile eingegroovt. Ich stehe um sechs auf, nein, mein Wecker verursacht tagtäglich einen Fast-Tinitus, weil ich auf meinem Handy schlafe. Ich pelle mich aus meinem Schlafsack, entweder bin ich nassgeschwitzt, oder eingefroren, ich schnalle meine Stirnlampe um den Kopf, stolpere aus dem Container, stolpere durch den Wald, den Hügel zur Komposttoilette hinunter, in 3 von 4 Fällen verliere ich meinen rechten Schlappen. Die Tür der Toilette ist defekt, ich sitze also im Wald, die einzige Lichtquelle ist die Stirnlampe, die ich trage, ich sehe Spinnen und Käfer, die ich mir wegdenke, während ich versuche zu kaken. Wenn ich Glück habe gibt es Toilettenpapier. Voll cool. Weil ich morgens Zeit für mich brauche und es in einer Kommune fast unmöglich ist, Zeit für sich zu haben, gewöhne ich mir gerade an, auf den Hügel in der Nähe unseres Camps zu klettern. Ich würde lieber heiß duschen, aber Wasser haben wir nicht. Gestern hatte ich den Temperaturregler vor lauter Verzweiflung in der Hand, weil ich so lange frustriert gedreht habe, bis Staub herauskam, anstatt Wasser. Um 6:30 Uhr geht die Sonne auf. Ich versuche zu meditieren, während ich meinen Gedankenzug vorbeifahren lasse, meistens klappt es schlecht, heute dachte ich, dass ich meinen Laptop laden muss. Und meinen Bus nach Porto buchen. Und, und, und. Ich sitze in meinen Gedanken, während ich sie ziehen lassen will. Ich verliere meine Sandalen schneller, als Boris Johnson sein Kabinett. Dann fluche ich über den Staub und über die Steine, die sich in meine Fußsohlen graben. Meistens muss ich einen Splitter entfernen, im Lichtkegel meiner Stirnlampe. Voll cool. Es ist 7 Uhr, wenn ich in die Küche komme. Alle anderen schlafen noch. Die ersten Tage habe ich versucht Kaffee zu kochen, die Espresso-Kanne ist langsamer, als meine Routine es zulässt, meine Pflicht startet, bevor mein Genuss fertig ist, ich trinke jetzt Wasser morgens und esse das Brot, was vom Vortag aus der Gäste-Küche übriggeblieben ist. Dann fege ich den Food-Tempel, das Gäste-Restaurant. Dann wische ich den Food-Tempel. Dann kommt meistens ein Huhn, was sich den saubersten Platz der näheren Umgebung aussucht, um sich zu entleeren. Dann wische ich nochmal. Ich bereite das Frühstück vor, ich sehe Früchte, die so exotisch sind, dass ich sie nicht kenne, ich rieche frisch gepresste Säfte und so viele Käsesorten, dass ich olfaktorisch in einer Käsemanufaktur stehe. Ich mache Fotos von dem Essen, mehr darf ich damit nicht tun, der Food-Tempel ist streng verboten für uns. Ich bin hier, um freundlich zu sein und hübsch auszusehen. Voll erfüllend. Ich leere den Müll vom Vortag, bevor die Gäste kommen. Gestern sind mir vier Mäuse entgegengekommen. Ich soll Mäusefallen aufstellen, sagt Mario. Ich habe jetzt schon Angst, sie zu leeren. Den Biomüll kompostieren wir. Immer, wenn ich zum Kompost komme, sitzen Hühner darauf. Ich schüttele die Tüte Biomüll also zwischen die Hühner, dann renne ich, manchmal verliere ich eine Sandale und bilde mir ein, fast gebissen worden zu sein. Es ist 9 Uhr und fast 30 Grad. Ich arbeite bis 13 Uhr, wenn ich schnell bin. Ich beneide die Männer, die den neuen Hühnerstall bauen und mit den Landrovern durch die Gegend fahren. Ich möchte auch anpacken und dreckig sein und so sehr schwitzen, dass ich das Gefühl habe, frisch geduscht zu sein. Ich bin stärker als ich aussehe, denke ich jeden Tag und frage mich, ob die Arbeitsteilung sexistisch oder effizient ist. Ich muss mich zusammenreißen keine Fotos von den Männern zu machen, mir eine Säge zu schnappen, #farmwork zu schreiben und an meiner Instagram Blumenwiese zu arbeiten. Wir essen zusammen, dann endet mein Arbeitstag. Ich habe mir vorgestellt, nach der Arbeit zum Meer fahren zu können oder wenigstens in die Stadt. Die Fahrräder sind alle kaputt, ein Auto hat niemand. Ich versuche das Fahrrad zu reparieren, ich habe noch nie irgendetwas repariert, was kannst du eigentlich mit deinen Händen, fragt Letti. Ein Bild aufhängen, denke ich. Mit Reißzwecken, denke ich, meine innere Prinzessin sitzt auf dem Hügel und weint. Der See ist kontaminiert, sagt Thitaout, wir waschen uns also ab heute nicht mehr. Ich liege in der Hängematte und denke nach. „What a beautiful life“, sagt Michael, sein italienischer Akzent bringt mich zum Lachen und ich frage mich, warum ich das alles nicht so wertschätzen kann, wie ich das gerne möchte. Ich sehe Fynn Kliemanns Instagram-Story, er surft im Atlantik, hat dabei so viel Spaß, wie er noch nie im Leben zu haben schien und sieht umwerfend aus, während er durch die Wellen gleitet, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Ich will auch surfen, denke ich. Was ich nicht sehe, in diesem Moment, ist das Knie von Fynn, dass er sich so sehr aufschlägt, dass er die nächsten Tage nicht surfen gehen können wird. Ich sehe seine kranke Großmutter nicht und seine Freundin, die chronisch sauer ist, weil er seine Socken nie wegräumt. Mag sein, vielleicht ist auch alles ganz anders. Was ich sagen möchte: Wir sehen immer nur das, was wir sehen möchten. Inspirationsquellen sind gleichzeitig Pfützen des Selbstmitleides, wenn man sie als solche benutzen möchte. Es ist nicht alles gold was glänzt, würde Oma jetzt sagen.

Außergewöhnlichkeit ist kein Dauerzustand

Während ich diesen Text schreibe, geht es mir besser als vorher. Ich habe weniger Heimweh und ich fühle mich wohler, an dem Platz, an dem ich mich gerade befinde. Ich will ans Meer, aber das Meer wird morgen auch noch da sein, und in 2 Jahren und in 5. Ich möchte lernen, Zufriedenheit im Moment zu spüren und mich nicht in der phantastischen Erwartungsenergie der Zukunft zu verlieren. Ich habe keine Erwartungen, sage ich immer, weil es gerade hip ist, nichts zu erwarten. Ich lüge, wenn ich das sage, weil mein Unterbewusstsein mächtiger ist, als die Willenskraft meiner steuerbaren Gedanken. Weil mein Leben eine schwarz-weiße Achterbahn ist, erwarte ich von jedem Tag, dass er ‚krass‘ wird. Außergewöhnlichkeit ist kein Dauerzustand, genauso wenig wie Stress und Glück. Mit Zufriedenheit ist das anders, glaube ich. Das Zauberhafte in der Normalität zu finden und mit dem Alltagsflow zu schwingen, wie eine Grashalm im Wind, zu spüren, dass man zur genau richtigen Zeit am richtigen Ort ist und wahrzunehmen, dass es okay ist, langsam zu sein und Ruhe zu spüren, dass füllt Zufriedenheit vielleicht temporär aus. Vielleicht ist das die Erfahrung, die ich gerade mache. Unbetäubt die Natur als Grundlage für alles wertzuschätzen. Adorno hat mal gesagt, dass man sich selbst nur als Vollkommen wahrnehmen kann, wenn man sich als vollkommener Teil der Natur begriffen hat. Das habe ich heute gespürt, im Schlafanzug und mit Socken in Sandalen auf einem Hügel auf der Suche nach der aufgehenden Sonne. Heute ist ein guter Tag. Auch ohne Dusche. Und ohne Beine rasieren. Und ohne Toilettenspülung und Wifi. „What a beautiful life“, sagt Michael, als er sich auf die Schaukel neben mich setzt. Ich nicke, es ist Sonntag, 17 Uhr. Es ist nie zu spät, sich für einen guten Tag zu entscheiden.  

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