„Ich wollte nur sagen, dass alles gut geklappt hat, ich bin in 40 Minuten schon da. Ja, ja genau. In 40 Minuten.“ Ich drehe mich um – warum fühlen wir uns instinktiv angesprochen, wenn wir unsere Muttersprache in einem fremden Land hören - und sehe nichts, außer den Stiernacken meines Sitznachbarn auf Platz 87. Ich kann die Stimme nicht lokalisieren, ich meine, einen schwäbischen Akzent hören zu kennen, Mister Fast-da fährt wohl nicht mit mir nach Hendaye. Während ich das schreibe, halte ich meinen Laptop mit der einen Hand fest – eine logistische Meisterleistung, ich tippe langsam, mein Laptop rutscht von dem kleinen Tisch. George sitzt unter mir, George ist mein Monster von Bagpack, George ist mein zu Hause und so sehr personalisierte Sicherheit, dass ich ihn nicht in das Gepäckfach zwischen Abteil 15 und 16 legen möchte. Für dich schlafen mir gerne meine Beine ein, George. George nimmt mehr Platz ein als ich, George wiegt wahrscheinlich mehr; bevor es später nach Lissabon geht, für George und mich, muss er abspecken, wir werden uns trennen müssen, von ein wenig Inneneinrichtung, George. Drei warme Pullis braucht ja wirklich niemand. In Portugal. Im Hochsommer. So ist das mit der Sicherheitsgesellschaft, George.

Bordeaux zieht an mir vorbei. Monsieur Stiernacken isst ein Schinken-Käse-Sandwich, französische Wortfetzen fliegen durch Wagen Nummer 16. Ich fahre von Paris nach Hendaye, um dann von Hendaye nach Lissabon zu fahren. Ich dachte ich hätte einen Nachtzug gebucht, habe mich auf das fahrende Zähneputzen unterm Sternenhimmel gefreut, auf den Ausblick aus dem Fenster bei Nacht. In welchem Universum diese Züge existieren, frage ich mich. Ich sitze im TGV, nicht in der transsibirischen Eisenbahn. Mein Nachtzug hat keine Schlafkabinen, George und ich werden uns auf Platz 26 zusammenrollen müssen. Und beten, nicht überfallen zu werden, sagt Frau Alman. Ich schüttele den Kopf.

Es fühlt sich gut an, wieder unterwegs zu sein. Ich habe die letzten drei Tage in Paris verbracht. Ob ich einen Text über seine Stadt schreibe, fragt mich mein Kumpel. Ich zucke mit den Schultern. Ich bin nicht Lonely Planet, denke ich. Und Tripadvisor kann sich wohl kürzer fassen, als ich. Ich google die Top 10 Sehenswürdigkeiten der Stadt der Liebe. Laut Google Review kann Paris wirklich viel, für eine Stadt. „Definitiv einen Besuch wert“, schreibt Petra aus Göttingen. Ich scrolle durch die Liste der Must-Sees, dann durch die Geheimtipps. Mist - die meisten habe ich zwecks Unwissenheit verpasst oder aus Menschenschlangenphobie gemieden. Die Sonne knallt durchs Zugfenster. Ich scheine sehr wenig gesehen zu haben, in den letzten Tagen, ich bin eine sehr, sehr schlechte Touristin. Ich war nicht auf dem Eiffelturm und ich war nicht im Louvre, ich habe eine kleine Brücke für den Triumpfbogen gehalten, ich habe kein Baguette gegessen und kein Croissant. „Wie viel steht noch von Notre Dame“, schreibt eine Freundin. Ich denke an den Amazonas.

 

„Was machst du denn so den ganzen Tag?“

„Die Stadt aufsaugen.“

 

Warum wir so viele Fotos von Gebäuden besitzen, die wir nie wieder anschauen

Es ist Dienstag. Ich bin zu geizig für ein Ubahn-Ticket und versuche mir die Stadt bei 30 Grad zu Fuß zu erschließen. Ich beobachte Menschen, die Gebäude beobachten, als wären es nicht Ob- sondern Subjekte. Kameras werden gezückt. Was das für ein Gebäude ist, frage ich eine spanische Familie. Schultern werden gezuckt. Wir nicken uns zu. Je majestätischer ein Gebäude auszusehen scheint, umso wahrscheinlicher verstopft es in wenigen Wochen als Urlaubsordner 2019 den Speicherplatz der Festplatte mit Bildern, die nie wieder gezeigt werden. Ich war in Paris, Mama. Warte, ich schicke dir schnell ein Bild vom Eifelturm. Besser ein Selfie, damit du siehst, dass ich auch wirklich dort gewesen bin. Ich halte meinen Crepe au chocolat in die Kamera und kneife meine Augen zusammen, es ist aber auch heiß hier, Mama. Aber toll. Tolle Stadt. Aber verstopft. So viele Touristen. Ich freue mich schon, wenn ich wieder zu Hause bin, Mama. Dort ist es nämlich am Schönsten. Ich beiße in meine Karotte und biege nicht links, sondern rechts ab. Mein Handy vibriert böse, Siri möchte, dass ich umdrehe, sofort. Ausgetrickst, Google Maps. Ich mache die Wegbeschreibung Richtung Grand Palais aus, drehe mich um und versuche, mich von meinen Sinnen leiten zu lassen und das Gefühl, ein wenig verloren zu sein, in Orientierung umzuwandeln. Wenn man sich weniger als nicht auskennt, dann ist jeder Platz gleich unbekannt, dann summiert sich die Fremdheit und daraus erwächst eine riesige Fläche der phantastischen Erkundung. Ich lande in Denfert-Rochereau und entdecke den schönsten Platz in ganz Paris: Les Grandes Voisins. Dieser wunderschöne Ort der gemütlichen Freiheit hat mich Paris von einer Seite kennenlernen lassen, die ich nicht kenne, wenn ich eine neue Stadt besuche. Ich habe mich nicht fremd gefühlt, sondern zur richtigen Zeit am genau richtigen Ort. Nicht gestresst und reizüberflutet, sondern behutsam aufgenommen und entschleunigt. Les Grandes Voisins, die großen Nachbarn, ist eine Art Gemeinschaftsprojekt, so erklärt mir das Armand. In den Häusern, die an das riesige offene Gelände grenzen, wohnen Geflüchtete und Künstler. Es wird gemeinsam gekocht und gebastelt und gewerkelt und gespielt. Es gibt einen Second-Hand-Laden und ein kleines Cafe. Von wem das Ganze subventioniert wird, frage ich. Armand zuckt die Schultern. Ich mache Fotos, die Menschen fuchteln mit den Händen. Hier möchte niemand fotografiert werden. Ich entledige mich all der Sachen, die mich offensichtlich zu einer Touristin machen und versuche mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, um zu verstehen, was es mit diesem Platz auf sich hat. Sofort werde ich anders angeschaut. Ich bin kein Eindringling mehr. Ein junger Kerl drückt mir ein Glas in die Hand.

Selbstgemachte Limonade wird zum Selbstkostenpreis verkauft, ich esse Kichererbseneintopf, Camel bietet mir Schokokuchen an, Malika hält mir selbstgemachte Ohrringe vors Gesicht. Wir spielen Tischtennis auf einem umgedrehten Autodach und lesen französische Kurzgeschichten. Ich verstehe alles, obwohl ich nichts verstehe. Malika umarmt mich, wir sitzen auf der Treppe, die den Außenbereich mit dem Hausinneren verbindet. Sie kommt aus Algerien, erzählt sie mir. Seit sechs Jahren lebt sie in Paris. Die großen Nachbarn? Famille, sagt sie. Malika strahlt mich an und ist so interessiert an mir, dass ich mich fast schlecht fühle, von meinen Reiseplänen zu erzählen, während sie Frankreich vorerst nicht verlassen darf. Sechs Jahre sind ein ganz schön langes vorerst. Ich lade Malika zu meiner Familie nach Deutschland ein, wir umarmen uns, ich kaufe ihre Ohrringe, sie drückt meine Hand, gutes Mädchen, sagt sie und mir steigen Tränen in die Augen. Camel kann kein Englisch, ich versuche es auf Deutsch, das klappt besser. Er hat deutsche Bücher gelesen, sagt er. Er will unbedingt nach Deutschland. Wir malen mit Kreide auf den Boden, er will sehen, wie es aussieht, dort, wo ich herkomme. Und bei dir, frage ich. Er kreuzt die Arme, schüttelt den Kopf. „Nicht schön.“ Ich bin mit Armand und Clemence zum Kochen verabredet und muss gehen. Ob ich morgen wiederkomme, fragt Malika. Ich nicke, sie drückt meine Hand, so warm und sanft-kraftvoll, wie ich das nur von meiner Mutter kenne.

 

Die Quiche ist noch im Ofen, es riecht in der ganzen Wohnung nach geschmolzenem Käse und persischen Gewürzen. Wir essen Tomate-Mozzarella und trinken Bier. Es hat abgekühlt, draußen, während es so heiß ist, dass man beim Sein schwitzt. Wir reden über Großstädte und die Absurdität zwischen Tourismus und Leben. Dass man Städte besucht, Städte fotografiert, Städte verlässt, Städte von seiner Bucket-List streicht, immer mehr Städte kennt, ohne sie wirklich gesehen zu haben. Volle Speicherkarten, leere Herzen, denke ich. So ist das immer, sagt Armand. Und vielleicht ist das auch gar nicht so schlimm, denke ich. Wenn der Kauf einer Eifelturm-Statue den interkulturellen Austausch anregt, dann ist das wundervoll. „It’s strange, but I feel at home“, sage ich, während ich meinen Schlafsack auf der Couch ausrolle. „You are.“ Ich habe Probleme einzuschlafen. Ich fühle mich reizüberflutet und irgendwie dazwischen. Zwischen was weiß ich nicht. Ich denke an Malika und Mona Lisa und an Pizza für 18 Euro und geschenkten Schokoladenkuchen. Ich denke an selbstgebastelte Ohrringe und T-Shirts auf denen ‚I love Paris‘ steht. Selfiesticks und Kochlöffel kämpfen in meinem Kopf vor der Ausländerbehörde, der Selfiestick kauft sich eine Eintrittskarte, soll ja interessant sein, die Institution, während der Kochlöffel versucht, eine ganze Familie zu ernähren. Der Kochlöffel verwandelt sich in Camel, ich sitze auch im Wartezimmer und habe ein Ticket, während ich Hunger habe.

Reisen erweitert den Horizont, Reisen ist inspirierend, Reisen ist wunderschön. Ja, das stimmt. Reisen ist aber auch wahnsinnig anstrengend und herausfordernd. Noch stärker als zu Hause konfrontiert einen das Leben mit Fragen, die so unangenehm zu beantworten sind, dass man sich lieber vor dem bloßen Aufkommen eben jener schützt. Durch Reisegruppen eigener Nationalität zum Beispiel, durch Flüge und durchgetaktete Tage voll Sicherheit, Eifelturm und Louvre. Reisen ist kein Urlaubs-Äquivalent. Ich frage mich, wie es möglich ist, dass die Reiseindustrie damit wirbt, ‚fremde Kulturen‘ kennenzulernen, wenn alle Mitreisende aus der gleichen Box kommen und fremde Kulturen, als Subgruppe identifiziert, beobachtet werden, wie Tiere im Zoo? Ich kann Crepes schon wegen meiner Laktoseintoleranz nicht essen. Vielleicht sollten wir uns alle ein wenig in Intoleranz üben: Intoleranz gegenüber dem Sicherheitsparadigma der westlichen Reiseindustrie, der Diskurshoheit des Fotografierens der Top Sehenswürdigkeiten des Google-Algorythmus, der nicht hinterfragenden Übernahme von Reiseführer-Routen und einer sinnentleerten Abarbeitung von Städten. Städte wollen erlebt werden, nicht konsumiert. Erleben braucht neugierige Sinne und Gelüste und Mut und Offenheit. Und vielleicht stolpert man währenddessen über den Eifelturm. Und das Erlebnis wird viel atemberaubender sein, der Eifelturm viel majestätischer erscheinen, weil die Unerwartbarkeit des Beobachteten sich wie eine Welle zufälliger Schönheit über einen ergießt und die kühle Brise den Mut belohnt, sich seinen Sinnen bedient zu haben. Die Industrie hat genug Roboter geschaffen. Städte brauchen Menschen, keine der Reiselobby zuarbeitende Maschinen.

Wir sind in Bayonne. In 30 Minuten kommt der Zug in Hendaye an. Ich überlege, ob ich es in zwei Stunden zum Meer schaffe. George, schaffen wir das, du und ich? Monsieur Stiernacken steht auf, schaut mich und George grinsend an und sagt etwas, das klingt wie, ‚more space‘. Er setzt sich auf den freien Platz vor mir, George und ich haben wieder Platz zum Atmen. Ich sauge die Klimaanlagen-Luft ein und spüre, dass ich Paris vermisse. Morgen um die Zeit bin ich in Lissabon. George hoffentlich auch, wenn ich ihn an mich binde, im Nachtzug, der kein Nachtzug ist. Ich freue mich, auf alles was kommt und ich bin dankbar, für alles, was ich erleben darf. Ich denke an Malika und mehr denn je spüre ich, wie privilegiert ich bin. Wie privilegiert wir alle sind. 

2 Kommentare

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  • Frauke  
    Chrissi, großes Kompliment! Ich mag deine Texte so gerne. Hör bitte nicht damit auf. Eher im Gegenteil.
    Alles Liebe, Frauke
  • Kira  
    Ich glaube, das ist mein Lieblingstext. Habe ich das schonmal gesagt? Vermutlich. Danke, dass du deine wertvollen Gedanken und deinen Blick auf die Welt uns allen zugänglich machst. Ich bin bei dir.

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