„Gloves?“ Die Apothekerin schaut mich an, ihr Haar wippt von links nach rechts, sie runzelt die Stirn. Ich versuche ihr auf Spanisch zu erklären, warum ich dringend Handschuhe brauche. Sie versteht mich nicht, ich strecke ihr meine mit roten Blasen übersäten Hände entgegen. Sonnenallergie, sage ich auf deutsch, sie nickt, legt Citirizin auf den Tresen und ein paar weiße Baumwollhandschuhe. Ich lache, weil ich so beschämt bin. Und weil ich schon wieder mein Tagesbudget in der Apotheke lasse. Dann gibt es heute anstatt Paella wohl Brot mit Brot und Brot. Ich packe die Handschuhe aus, normalerweise würde mich nicht mal eine Mottoparty dazu bewegen, Michael Jackson auf peinlichste Weise zu imitieren. Der Camino zwingt mich dazu, ich wachse über mich hinaus, indem ich lerne, auf mich selbst aufzupassen. Tara klopft mir auf die Schultern und freut sich auf meinen Moonwalk. 

Es fühlt sich komisch an wieder in einer Stadt zu sein. Ich trage FlipFlops und Wandersocken, ein viel zu großes Hemd und eine Sporthose. Wir passen nicht in die Stadt. Ich war seit Wochen nicht mehr in einem richtigen Supermarkt. Wir freuen uns so sehr über die Auswahl, dass wir alles kaufen. Wir picknicken am Fluss, die Sonne ist zurück und es fühlt sich an, als würden unsere müden Muskeln aufwachen. Ein Tag Ruhe tut so gut. Wir laufen sehr langsam und so wenig wie möglich. Es ist verrückt, wie man seinen Körper trainieren kann, fit sein zu müssen. Wir müssen nicht fit sein heute, es reicht, dass wir einfach nur sind. 

„Should I ask?“ sage ich und schaue Andrew an. Er nickt. Wir sitzen auf dem Boden vor der monströsen Kirche, hunderte Touristen tummeln sich davor, Schulklassen und Reisegruppen, Pilger sehen wir kaum. Ich frage in dem gegenüberliegenden Café nach einem Hammer. „Sure“. Andrew macht immernoch Armbänder. Vor zwei Wochen hat er mich gefragt, welches Wort mich auf meiner Reise begleiten soll. Ich hatte keine Ahnung und kein Armband, heute stanzt er „Trust“ in den metallenen Ring, der sich um das Lederband windet. Ich lerne hier jeden Tag aufs Neue, Vertrauen zu haben. Vertrauen in das Ungewisse und dass alles so kommt, wie es kommen soll. Vertrauen in die Menschen um mich herum und vor allem in mich selbst. „Dont underestimate you“, sagt Luna vor ein paar Tagen. Ich habe langsam endlich das Gefühl, dass ich stark genug bin, für all das. Wir trinken Tinto de Verano und sind heute mehr Touristen als Pilger. Morgen ist wieder alles ganz anders. Während wir in der Sonne sitzen und sich der Rotwein sanft durch unser Nervensystem bewegt, fühlen wir den Moment. Niemand sagt etwas, weil es kein Wort gibt, um das Gefühl purer Lebendigkeit zu beschreiben. 

„How are you back home?“ Andrew schaut mich an. Ich muss lange über die Frage nachdenken. Ich glaube ich bin ein bisschen eitel, sage ich. „I don’t appreciate enough“. Wir alle verändern uns, das Leben hier verändert, weil Nichts haben und Alles sein verändert. Ich denke immernoch über Andrews Frage nach und hoffe, dass ich die Camino Energie mit nach Hause bringen kann. Mehr Dankbarkeit und weniger Selbstverständlichkeit, mehr echte Nächstenliebe, nicht fürs Gewissen, sondern weil Geben das eigentliche Nehmen ist. Weniger glitzernde Fassade, lieber echtes Grau als vergiftetes bunt. Ich habe mich noch nie so sehr über warmes Wasser gefreut und ich habe vor Freude fast geweint, als ich laktosefreien Yoghurt im Kühlregal gefunden habe. Es fühlt sich an wie Kartoffeln essen, ein Leben lang, und irgendwann erfährt man, dass es auch Kartoffelbrei gibt, und Bratkartoffeln und Kartoffelauflauf. Ich vermisse Karotten, denke ich. Und Süßkartoffeln. Aber für den Moment ist alles richtig, genauso wie es ist. Ich stülpe die Handschuhe über meine Hände, ich war schon so viel auf dem Camino, Auto und Schnecke, Küken und Sunshine, Zwiebel und Schneemann, heute bin ich Michael Jackson, morgen ist wieder alles anders. 

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