Ich sitze in Fleecejacke und Mütze in meinem Schlafsack und friere so sehr. In dem Bett neben mir kuschelt ein Pärchen, die Frau unter mir liest, der Mann neben mir massiert seine Füße. Ich bin in Belorado und habe Bauchschmerzen. Anstatt dem Pilgermenü esse ich Yum-Yum Nudeln für 70 Cent. Heute ist der erste Tag, den ich ohne Schmerzmittel überstanden habe. Ich habe das Gefühl, dass sich die Schmerzen verlagern. Vom Knie in den Knöchel, in den Bauch. Ich lerne Allan aus Texas kennen. Er humpelt, wir teilen Salbe und Zuspruch und schauen auf der Karte, wie weit wir es schon geschafft haben. „Sometimes it‘s better to look back“, sagt er und lächelt. Woanders kann ich gerade sowieso nicht hinschauen, es regnet seit fast 24 Stunden, die nächsten drei Tage wird sich das auch nicht ändern. Wenn ich nach vorne schaue, sehe ich mein durchnässt-erfroren-hungriges Ich, auf der Suche nach einem Schlafplatz. Heute war der härteste Tag seitdem ich unterwegs bin. Und ich hatte das erste Mal Angst, wirklich verloren zu gehen. Ich bin wieder ganz, ganz alleine.

„Adíos“, rufe ich fröhlich, als ich die Albergue Victoria in Cirueña verlasse. Ich winke den Frauen am Frühstückstisch zu, „take care“, sagen sie, es ist halb sieben, ich trage meine Regenhose und meine Regenjacke, meinen Regenschutz für den Rucksack und eine Schirmmütze. Ich bin eine Witzfigur, in meinen Gedanken bin ich ein Avenger. Die Luft erschlägt mich, ich stoße gegen eine nass-kalte Wand. Bisher hatte ich Glück mit dem Wetter, heute nicht. Ich fange an zu pfeifen und laufe los, die ersten zehn Kilometer sind die härtesten, sage ich mir, dann geht’s. Es ist das erste Mal, dass ich komplett alleine unterwegs bin. Ich sehe niemanden,  weder Autos noch Pilger oder Passanten. Der Wind pustet so stark, dass ich meine Kappe enger schnallen muss. Ich bin so damit beschäftigt nicht nach hinten umzufallen, dass ich die gelben Pfeile verpasse. Als ich mein Tempo mit den Wanderstöcken auf dem nassen Untergrund gefunden habe, finde ich mich auf einer Landstraße wieder. Ohne Pfeile. Es regnet so stark, dass ich mein Handy nicht herausholen kann, meine Bauchtasche wird von meiner Regenjacke verschluckt. „Fuuuuuuck“. Ein Straßenschild zeigt den Weg nach Santa Doningo an. Zweite Ausfahrt im Kreisverkehr. Ich bin ein Auto und frage mich, ob ich rechts oder links an der Straße laufen soll. Ich wechsele mehrmals, beides fühlt sich schlecht an. Es sind nur 10 Kilometer, denke ich immer wieder, meine Lippen sind voller Zahnabdrücke. Ich höre nichts außer das rhythmische Klacken meiner Stöcke auf dem Asphalt. Ab und zu knirscht es, wenn ich eine Schnecke treffe. Mir ist kalt und ich erschrecke mich, als ich meine Hände sehe. Sie sind von der Kälte angeschwollen und voller roter Pusteln. Meine Sonnenallergie hat sich entzündet, denke ich und frage mich, warum mein Körper so verwundbar ist. Ich fühle mich schwach. Je weiter ich laufe umso mehr Autos kommen mir entgegen. Ich bin klitschnass und will nach Santa Domingo trampen. Noch kann ich laufen, denke ich und richte meinen Blick sturr auf die Straße. Es knirscht, ich weiß nicht mehr, ob es der Panzer einer Schnecke oder meine Zähne sind. In diesem Moment bräuchte ich jemanden, der mich pusht. Nach 8 Kilometern sehe ich das Ortseingangsschild und einen Pfeil. Ich kreische vor Freude und muss wahnsinnig aussehen, in meinem durchnässten Avenger-Aufriss. 

„You‘re a sunny one“, sagt David. Wir kauern unter einer Plane vor einem Restaurant. Mein Rücken tut weh, der Gegenwind und der Regen sind so anstrengend. „I‘m not“, sage ich. Wir teilen einen Muffin. Ich möchte mich heute nicht unterhalten, ich bin zu angestrengt um zu reden. David reist mit einer Gruppe Australier, ich könnte mit ihnen laufen, „welcome to the Family“. Ich möchte nicht. Ich vermisse Pau und Katja und mich strengt das täglich neue Kennenlernen an. Ich vermisse Beständigkeit und Geborgenheit und Nähe. Ich verdrücke die Tränen, sie bleiben in meinem Hals stecken, ich kann nicht schlucken. Ich habe verdammt Heimweh. 

„Harry Potter“, sage ich und grinse. Allan nickt. Wir sitzen in der Küche von einer Herberge, es wird gekocht, es ist kalt, aber jeder strahlt Wärme aus. Meine Haare sind nass und noch voller Seife. Die Dusche war eiskalt. Aus dem Lautsprecher tönt die Harry Potter Melodie, ABBA, Black Eyed Peace, Backstreet Boys. Dieser Ort ist verrückt. An den Backsteinwänden kleben Polaroids von Pilgern, alles ist bunt, ich sehe weder Kruzifixe noch Jesusdaratellungen. Dieser Ort ist erfrischend anders. Ich würde das alles gerne mit jemandem teilen, ich fühle mich nach kuscheln und wünsche mir, dass jemand meinen Bauch streichelt. In meinem Zimmer sind 25 Betten. Ich bin heute 30 Kilometer gelaufen und müde. Ich will morgen nicht wieder in den Regen. Meine Sachen sind immernoch nass. Ich denke an Marcelino. Der Camino ist wie das Leben. Es kommen auch wieder bessere Tage, klopfe ich mir selbst auf die Schulter. „You‘re gonna be okay“, sagt kuschelnde Pärchenhälfte 1 zu der Anderen. Die Frau hustet seit Minuten. Ich nicke ihr zu und fühle einen letzten Rest meiner Avenger-Kräfte. 

 

1 Kommentar

Linear

  • Coco  
    Halt durch mein Herz!

Kommentar schreiben

Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.