Ich sitze in Sankt Jean Piet de Port in einer Pilgerherberge. Ich habe Schwierigkeiten mit der französischen Tastatur und schreibe, als würde ich das erste Mal einen Computer benutzen. Laut Pilgerführer müsste ich mich auf dem Weg nach Roncesvalles befinden, ich müsste über die Pyrenäen laufen, in diesem Moment. Heute ist Tag 2 meiner Reise, meinen Zeitplan habe ich hinter mir gelassen, so wie mein Modalverbenkontigent des Müssens. Ich bin seit fast 24 Stunden hier, es regnet seit fast 24 Stunden. Ich vermisse eine lange Hose zum Wechseln, ich vermisse einen Regenschirm, ich vermisse eine Heizung und eine Badewanne. Pilgern ist so beschissen. Bei Schneeregen muss ich mich nicht auf den Weg machen, habe ich mir gestern so lange eingeredet, bis ich es mir selbst geglaubt habe. "Bleib bis morgen", sagt Pilgermami Kathi und lacht mich an. Sie macht Feuer und fängt an Kuchen zu backen. Es riecht nach angebratener Zitrone und Zimt und Butter. Es riecht nach Zuhause und ich kann meine Zehen wieder spüren. 


Bob Dylan und Salatgurken

Die Uhren ticken hier anders: Der Tag beginnt, kurz bevor die Sonne aufgeht, die ersten Pilger verlassen die Herberge um kurz vor 5. Bis nach Roncesvalles sind es fast 28 Kilometer, es gibt 400 Betten, first come, first serve. Als ich um sieben in die mit altem Holz verkleidete Wohnküche stolpere, herrscht dort  reges Treiben. Der Duft von frischem Kaffee mischt sich mit Sprachfetzen, Französisch und Spanisch, Koreanisch und Deutsch hängen in der Luft, "buen camino", sagt Kathi immer wieder. Ich treffe Heidi und Manfred. Wir haben uns gestern am Ofen beim Füßewärmen kennengelernt. Ich hole die Gurke, die ich gestern gekauft habe aus dem Kühlschrank, schneide sie in Stücke, grinse, "für die Vitamine", sage ich, der ganze Tisch lacht. "Du bist noch nicht lange unterwegs, oder? Es wird besser", sagt Manfred. Zustimmendes Nicken aus Spanien, aus Polen, aus Californien, aus Kanada. Heidi nimmt eine Gurkenscheibe. Was wird besser, Manfred? Ich frage mich, ob es mein Charakter ist, oder meine unerfahrene Naivität, oder beides. Und was ist so ungewöhnlich an Salatgurken? Nach und nach leert sich der Esstisch, bunte Regencapes stapfen aus der Glastür und verschwinden im Nebel. Ivo aus Holland umarme ich und bin tatsächlich ein bisschen traurig, meinen ersten Pilger-Buddy ziehen zu lassen. Ob ich sicher wäre, dass ich nicht mitkommen will. Ja. Warte in Pamplona auf mich. Okay. Und dann sitze ich alleine in der Küche. Autos fahren hier nicht, der Ort scheint ausgestorben, ohne die Masse an Pilgern. Ich genieße die Ruhe und schlendere alleine durch den Ort. Es wohnen nicht einmal 2000 Menschen hier. Ich begegne niemandem. Es ist nebelig, der Schnee auf den Bergspitzen wird vom Grau des Himmels verschluckt. Mir ist kalt, immernoch, mir ist seit zwei Tagen kalt, die Häuser hier haben keine Heizung. Ich gehe in die Kirche, wärme mich an der Kerze, die ich anzünde, ich denke an Oma und lausche dem klaren Summen einer jungen Frau, die in der ersten Bank im linken Kirchenschiff sitzt. Ich bilde mir ein, Bob Dylan zu erkennen. Ich muss lachen, als ich mein Spiegelbild in der Glasscheibe sehe: Die Softshelljacke meines Bruders ist mir viel zu groß, auf meiner Mütze steht in gelb und fett "Sylt". Ob ich aus dem Norden komme, hat Heidi mich gestern gefragt. "Ich bin aus Berlin". Wo ich dort wohnen würde. In dem Herzen meiner Freunde, denke ich, während mir auffällt, dass ich wieder bei meinen Eltern eingezogen bin. Erst jetzt spüre ich, dass ich mich irgendwie heimatlos fühle. Ich drehe meine Mütze um und frage mich, wo ich in ein paar Monaten wohnen werde.

Ich  habe noch so viel mehr zu erzählen, aber das Tippen fällt mir immer schwerer. Meine eingefrorenen Finger schreien nach einer heißen Tasse, die sie umfassen können. Ich bin sehr froh, dass ich es gestern geschafft habe, auf meine Intuition zu hören und eine Nacht länger zu bleiben. Ich bin überrascht, dass es sich nicht wie Versagen anfühlt. Ich erinnere mich an Frieda, aus dem Pilgerbüro, die mir gestern meinen ersten Stempel in den Pilgerführer gedrückt hat. Ob mein Freund vor der Tür warte. Nein. Oder meine Mutter? Nein. "Es ist selten, dass so junge Kinder alleine reisen", sagt sie. Sie nickt, ich nicke und ihre weichen blauen Augen geben mir ein Gefühl von sicherer Geborgenheit. Alle Menschen, die ich bisher getroffen habe, sind wahnsinnig hilfsbereit, offen und freundlich. Hier sind alle Pilger und nur Pilger. Ich wünschte, dass die Welt so funktionieren würde. Weil wir alle irgendwie Pilger sind, auf dem Weg des Lebens.

Morgen mache ich mich ganz früh auf den Weg, 9 Stunden werde ich wohl brauchen, sagt mein Reiseführer und sagt Frieda. Ich hoffe es regnet morgen nicht mehr so sehr, der Regenschutz von meinem Rucksack passt nicht über den Schlafsack, den ich unten drangeknotet habeIch hätte niemals gedacht, so gut schlafen zu können in einem Raum mit über 20 Menschen. Mein Schlafsack ist mein Stück sichere Heimat. Ich habe das Gefühl anzukommen, obwohl ich nicht einmal losgelaufen bin. Ich habe überlegt, im Hape Kerkeling Stil jeden Tag eine Erkenntnis des Tages aufzuschreiben, habe mich gestern im Bett dagegen entschieden, weil es sich für mich beschränkend anfühlt. Gestern dachte ich, dass man so viel mehr Zeit hat, ohne WhatsApp und Facebook. Heute denke ich, dass es sich toll anfühlt, sich einzugestehen, langsam zu sein. Kathi wischt den gekachelten Steinboden und murmelt etwas auf Französisch, dass ich nicht verstehe. Ich bin dankbar, dass ich ihren Computer benutzen darf und freue mich schon, wenn sie morgen zu mir sagt, "Buen camino".

 


 

2 Kommentare

Linear

  • Coco  
    Liest sich toll, fühle mich als wäre ich bei dir! Buen camino, Chrissi, ich denk an dich
  • Christian von gegenüber  
    Der Wahnsinn, was Du alles in Worte bringen kannst. Ich bin gespannt darauf, mehr zu lesen.

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