Morgen geht meine große Reise los. Globetrotter unter uns, die nichts haben außer ihren Rucksack, die barfuß durch die Landschaft stapfen und nichts brauchen, außer sich selbst, fallen lachend aus ihrer Hängematte. Zwei Monate mögen sich nicht wie eine große Reise anhören. Ich bin weder außerhalb Europas, noch abgeschnitten von sämtlicher Zivilisation. Ich habe eine Auslandskrankenversicherung und besitze mehr, als ich am Körper trage. Trotzdem fühlt sich die Reise für mich riesig an und ich fühle mich unsicher. Ich bin tief verunsichert, meine Unsicherheit überschattet meine Vorfreude, sie erstickt meine Vorfreude in meiner sorgenbelasteten Komfortzone. Ich habe Angst. Und es fällt mir schwer, das auszuhalten. Ich bin uncooler, als ich scheine. Mein großes Mundwerk und die inszenierte Einstellung, dass mir die Welt gehört, holen mich ein. Eigentlich wollte ich über Vorfreude und Wanderlust schreiben, das trifft meinen aktuellen Gefühlszustand aber nicht. Ich möchte mir selbst nichts vormachen, und meinem Umfeld auch nicht. Ich möchte meine Angst teilen, weil jede*r von uns Ängste in sich trägt, die nur größer werden, wenn man sie verdrängt.

Dieser Text ist dir gewidmet, liebe Sorge.

„Wird schon“, sagt mein Bruder und klopft mir behutsam auf den Rücken. Meine Mutter nickt, in ihren Augen sehe ich flackernde Unruhe. Mütterliche Behutsamkeit kennt keine Wanderlust. Ich fühle mich wie ein Entenbaby, was geprägt ist, auf die Watschelfüße ihrer Eltern. Gib mir Orientierung, denke ich. „Wird schon“, sagt auch meine Mutter.

Ich rede nicht über meine Angst, sondern strahle schlechte Laune aus. Ich bin zickig und trotzig und leicht reizbar. Mein Umfeld, was mich in dem Zustand der unsicheren Veränderung aushalten muss, ist Projektionsfläche meiner beklemmenden Beunruhigung. Ich bin grundlos wütend. Ich habe das Gefühl, mich zu überfordern. Ich denke an Geschwindigkeit und an meinen emotionalen Tempomat, der höher eingestellt ist, als ich mich bewegen kann. Ich denke an Papa. Plan B sei manchmal der bessere Plan A, höre ich ihn sagen. Das tröstet mich. Von Sankt Jean Piet de Port bis nach Santiago de Compostela sind es 804,8 Kilometer. Die längsten Wanderungen, die ich bisher gemacht habe, waren die Bollerwagen-Besäufnisse am 1. Mai, deren Erinnerung in schleierhafter Trübheit vor meinem geistigen Auge verschwinden. Gut, dass ich einen funktionierenden Daumen habe. Irgendwer wird mich schon mitnehmen, wenn ich mit blutenden Füßen am Wegesrand kauere. „Sei nicht immer so theatralisch“, sagt mein rationales Ich. Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Bin ich aber. Alternative Bewegungsmittel klingen in meinen Wander-Ohren wie Plan Z. Wenn Probleme Herausforderungen sind, dann sind alternative Fortbewegungsmittel wohl Möglichkeiten, offene Türen, Einladungen, für was auch immer. Während ich darüber schreibe fange ich an endlich richtig darüber nachzudenken und meine Angst wird kleiner. Danke Familie, dass ihr mich aushaltet. Es ist sehr anstrengend Ich zu sein.

Die Phantasie der Erwartung und warum es sich lohnt, sie zu überwinden

Ich bin sehr gut vorbereitet. Mein 30-Liter-Rucksack ist so funktional gefüllt, dass ich mich weder kaputt schleppen, noch in den Pyrenäen erfrieren werde. Ich habe alles dabei, was ich brauche und ich bin gegen alles abgesichert. Meine Notfallapotheke platzt. Ich glaube genau hier ist das Problem, es liegt zwischen meiner Zeckenzange und der Stirnlampe, es ist die vorgegaukelte Sicherheit, die ich in Taschenmesser und Taschenalarm zu finden versuche. Sicherheit schützt, denken wir, denkt die Gesellschaft, denken sämtliche Versicherungsvertreter. Sicherheit schützt nur vor dem Fluss des Lebens, denke ich. Und will mich trotzdem gegen alles absichern. In meiner letzten komplizierten zwischenmenschlichen Beziehung wurde mir gesagt, dass ich schlecht darin sei, Sicherheit zu geben. Ich habe diesen Satz viel reflektiert und tue es noch. Wie soll man einer anderen Person das Gefühl von tiefster Sicherheit vermitteln, wenn man sie aus sich selbst nicht schöpfen kann? Ich möchte lernen, mir meine eigene Sicherheit zu sein. „Vor was hast du genau Angst?“, fragt mich mein sorgenvolles Unterbewusstsein. Ich denke an meine erste Etappe, die Überquerung der Pyrenäen, und an mein kälteverachtendes Sein. Ich habe Angst vor nasser Kälte und vor dem Gefühl, dass mir nie wieder warm wird. Dieses taube Gefühl, dass einen erschlägt, wenn sich Hunger, Müdigkeit und Heimatlosigkeit an der Hand halten. Das scheint so etwas wie mein Dämon zu sein. Pathetisch klingt das, denke ich. Aber eigentlich sehr treffend. Meine Regenausrüstung packe ich für gewöhnlich nur aus, wenn ich mit meinem Hund im Feld spaziere und weiß, dass mich niemand sehen wird, in meiner Kartoffelsack-Montur. Ich habe beim Packen gemerkt, dass ich eitel bin, obwohl ich immer davon rede, wie unwichtig die Optik ist. Charakter does it. Wahrscheinlich ist es sehr wichtig, dass ich dem, wovor ich mich am meisten fürchte, sehr früh auf dem Weg begegne, frei nach Hiob. Wenn alles, was man am meisten fürchtet, geschieht, dann verschieben Grenzerfahrungen die Weltsicht. Vielleicht kommt daher der Satz: Was dich nicht umbringt macht dich stärker. Pathetisch. Ich weiß, dass nichts passieren wird und meine Ängste unbegründet sind. Vielleicht mache ich diese Reise auch, um nicht nur rational zu verstehen, sondern emotional zu erkennen, dass man sich letztendlich gegen Nichts absichern kann. Weil sowieso immer alles anders kommt. Und weil wir uns selbst immer dabeihaben. Und das ist wohl auch bei Sonnenschein die größte Herausforderung.

Vom Lärm zum Licht

Ich schaue meinen Reiseführer an, der in den kommenden zwei Monaten den Platz meines Smartphones einnehmen wird. Ich erinnere mich an die Philosophie, mit der ich das Leben versuche zu bestreiten: meinem betäubt-übersättigten Mikrokosmos mit träumender Intuition zu begegnen. Geist und Seele werden nicht satt, von Döner extra scharf. Während ich darüber nachdenke, kann ich wieder Dankbarkeit spüren. Ich bin dankbar, dass ich einen deutschen Pass habe, ein soziales Umfeld, dass mir den Rücken stärkt und ein sparsames Vergangenheits-Ich, dass es mir ermöglicht, zu reisen. Ich bin dankbar, dass sich mein neugieriger Mut zur richtigen Zeit aus der Komfortzone gepellt hat. Ich bin dankbar, dass ich der müde-schreienden Großstadt entfliehen und bewusst darauf achten kann, was mir guttut. Und vielleicht ist es genau das: Fluchend im Schneeregen über die spanische Grenze zu laufen. Ich bin aufgeregt und gespannt, welche tiefen Emotionen die menschliche Gefühlsagenda ans Gehirn zu senden in der Lage ist, wenn sie frei ist, von dem externen Erwartungslärm.

Ich weiß nicht, in welchen Zeitabständen ich schreiben werde. Ich lösche sämtliche Social Media Apps von meinem Smartphone und bin noch mit mir im Unklaren, ob ich Whatsapp nur stumm schalte, oder aus der Angst vor Informationszwang besser doch lösche. Ich habe keinen Laptop dabei und weiß nicht, wie die Klöster technisch ausgestattet sind. Vielleicht merke auch ich, dass mich die Suche nach spanischer Kultur, oder einem leckeren Essen, oder nach mir selbst, mehr antreibt, als die Suche nach einem Internetcafe am Wegrand. Dem werde ich nachgehen. Ich möchte mich nicht im Vorhinein zwingen zu schreiben, weil ich mir so die Möglichkeit der kompletten Freiheit nehme. Spätestens Ende Juni werde ich von meinen Erfahrungen berichten. Ich bin jetzt schon gespannt, welche Erkenntnisse ich teilen kann. Und wenn es nur die Erkenntnis ist, dass eine Erleuchtung, in welcher Form auch immer, leider ausblieb.

„Aber kann ich dich gar nicht erreichen?“ Durch den Whatsapp-Chat spüre ich den sorgenbehafteten Unterton meiner besten Freundin. Menschliche Verbindungen sind nicht technischer Natur, wenn doch, sollte man die Qualität der Verbindung hinterfragen. Ich habe auch Angst, zu verpassen, was hier alles passiert. Es fühlt sich komisch an zu wissen, dass meine Freunde ohne mich Spaß haben, ohne mich traurig sind, ohne mich Erfahrungen machen, die ich gerne teilen würde. Ich übe mich gerade in Vertrauen, es fällt mir schwer. Ich versuche mein eigenes Tempo zu finden.

Ich gehe nicht, um anzukommen. 

1 Kommentar

Linear

  • Nadine  
    Ich wünsche dir alles Gute und eine tolle Reise mit ganz vielen neuen Erkenntnissen! Bin gespannt, was du zu berichten hast wenn du wieder zurück bist.

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