Wir hassen Silvester. Wir hassen es, weil es die Möglichkeit beherbergt, uns das Beste vorzuenthalten. Mehr Partys sind weniger Partys – also weniger, auf denen wir anwesend sein können. Silvester ist das personifizierte Polypossibility-Problem unserer Generation. Oma würde sagen, „man kann nicht auf jeder Hochzeit tanzen“. Gut, dass heute alle in freien Beziehungen leben und niemand mehr heiratet. Anti konventionelle Ehe, anti Braut in weiß, anti Heterosexualität.

Ein kurzer gedanklicher Exkurs

Man kann gegen alles sein, was sich in den tiefen Strukturen der Gesellschaft verankert hat, was starr ist, oder starr scheint. Nach dessen Prinzipien die eigenen Eltern leben, Großeltern gelebt haben, Kindeskinder leben werden. Ein toter Prozess. Ich erwische mich selbst häufig dabei, erst einmal dagegen zu sein, weil ich mit dem ständigen Gefühl lebe, ausbrechen zu wollen. Ausbrechen zu müssen. Manchmal fühlt es sich wie eine Aufgabe an, nicht wie ein Privileg. Die strikte anti-Haltung ist aber mindestens genauso schlimm, wie festgefahrene Strukturen. Sie ist genauso engstirnig, einseitig und unreflektiert, wie es Menschen sind, die sich an Strukturen klammern. Schlimmer noch: diese Haltung ist eine Entscheidung, die uns zu aktiven Egoisten macht, weil sie ausblendet, was nicht in ihre Blase des Verständnisses von Glück oder ‚dem richtigen Leben‘ passt. Andere Einstellungen, Vorstellungen und Lebenskonzepte prallen ab. Toleranz, soweit der homogene Selbstverwirklichungsballon schwebt. Ballons fliegen nicht für immer. Abgesehen von den Umweltbedingungen, die auch immer extremer werden (rechte Stürme von allen Seiten, das Parteiensystem zersplitternder Hagel und dazwischen ein dem Unwetter trotzender Friedrich Merz in seinem Privatjet – ja, vielleicht auch das eine Auswirkung des Klimawandels), spielt auch der Aggregatzustand eine Rolle. Der Ballon ist gefüllt mit Gas. Metaphorisch. Was passiert, wenn sich flüssig und fest untermischen? Menschen, die Fleisch essen, die von München nach Berlin fliegen, die CDU wählen. Wie lange fliegt ein Ballon, der sich langsam mit Flüssigkeit füllt? Wie viel Flüssigkeit ist okay und wie groß ist der Ballon überhaupt? Ein Gedankenexperiment. Ich bin keine Physikerin. Ich stelle mir den Ballon aber gerade vor, wie er, groß und blau am Himmel steht – und platzt. Ich möchte nicht in einem Ballon gefangen sein.

Die, mit dem postmaterialistischen Zeitalter einhergehende selbstverwirklichende Freiheit darf nicht von den Menschen ausgenutzt werden, die sie als Identifikationsform angenommen haben. Uns. Die letzten Zeilen klingen nach abgehobener Selbstgefälligkeit einer Generation, die die Möglichkeiten der Freiheitsauslebung nicht geschaffen hat, aber davon profitiert. Es ist schön, dass wir so frei sind und sein können. Trotzdem dürfen wir nicht denken, dass dieses, dem Lebenskonzept mitschwingende Gefühl, das Ultimatum ist. Die Membran unserer Blase muss durchlässig bleiben. Für alle Menschen. Und in alle Richtungen. Es ist schön zu teilen, was uns ausmacht, was wir für richtig halten und für erstrebenswert, was uns glücklich macht. Dabei müssen wir das Andere aber auch sehen und ernst nehmen. Ich habe gemerkt, dass man sich sonst schnell über andere Menschen stellt. Strukturelle Gewalt. Wir können nicht wissen, was für unseren Nächsten am besten ist. Oder für unsere Geschwister, die einfach anders sind, als wir. Wir können unser Bestes, oder das, was wir denken, was es zu sein vermag, nicht als für ubiquitär am Besten halten. Wir können es lediglich teilen und schauen, was passiert. Weil Glück mehr wird, wenn man es teilt. Weil Ballons platzen können, Sphären nicht. Also soweit ich das beurteilen kann.

Der rote Faden

Und was hat das alles mit Silvester und Neujahrsvorsätzen zu tun? Wahrscheinlich sollte ich den oberen Absatz löschen. Weil ich kaum etwas besser kann, als Ausschweifen und beim Philosophieren das Wesentliche vergessen. Ich habe in meiner Universitätskarriere, die sich mittlerweile schon über sieben Semester erstreckt, kaum etwas öfter gehört, als die Frage nach dem roten Faden. Mein Faden ist gelb und eher ein Strohhalm (aus Glas natürlich).
 

Ich habe den Text geschrieben, weil ich gestern Nacht darüber nachgedacht habe, ob ich mir für das neue Jahr etwas vornehme. Nö. Alles, was man ändern möchte, kann man sofort machen. Dafür braucht es kein neues Jahr, keinen neuen Monat, keine volle Stunde. Anti Neujahrsvorsatz. Arrogant, irgendwie. Als könnten wir alles, was wir nicht mögen, sofort verändern. Punktuelle Selbstoptimierung 24/7. Auch wenn Neujahrsvorsätze out sind, und uncool: Ich bin für eine Re-Etablierung. Neujahrsvorsätze geben uns die Möglichkeit der Selbstauseinandersetzung und -zentralisierung. Gerade die Zeit zwischen den Jahren, die von familiärem Input und der Frage nach dem eigenen Sein, zwischen Gänsebraten und Veganismus, langsamer Bequemlichkeit und geistiger Unruhe, geprägt ist, lässt es zu, sich Zeit zu nehmen, Zeit zu haben. Was will ich wirklich? Es geht nicht um Sport oder gesunde Ernährung, die Auseinandersetzung ist eine Andere. Meta irgendwie. Was ist meine Definition von Glück? Welche Menschen sind mir wichtig? Wie möchte ich meine Zeit, das wertvollste Gut des Postmaterialismus, nutzen, um meine Definition des Glückes, zu suchen. Wer nicht mehr sucht liegt geistig im Sterben, weil Glück nicht statisch ist und für jeden Menschen etwas anderes. Sie bedarf aufmerksamer Achtsamkeit. Die Suche, und alles dahinter. Und vielleicht ist Glück dann auch einfach Sport und gesunde Ernährung.

Vielleicht vielleicht.

https://www.youtube.com/watch?v=OG5h6Lpn_qM

1 Kommentar

Linear

  • Tj.  
    Humm, nicht schlecht.....

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